Speak Up!

Interview mit Prof. Dr. David Schwappach, Leiter Forschung und Entwicklung und stv. Geschäftsführer der Stiftung für Patientensicherheit

Die Stiftung wurde Ende 2003 von den Bundesämtern für Gesundheit und Sozialversicherung, zahlreichen Berufsverbänden und der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften gegründet. Die Aktivitäten der Stiftung sollen dazu beitragen, die Patientensicherheit zu verbessern und Fehler in der Gesundheitsversorgung zu vermindern. Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung praktischer Lösungen für die Leistungserbringer. Mehr Informationen unter www.patientensicherheit.ch

 

Herr Prof. Schwappach, das diesjährige Thema der Aktionswoche für Patientensicherheit lautete «Speak up – wenn Schweigen gefährlich ist». Was steckt hinter diesem Slogan?
Mit diesem Slogan ist gemeint, dass Fachpersonen aber auch Patienten, ihre Sicherheitsbedenken offen ansprechen. Wir sehen bei CIRS-Meldungen und bei der Analyse schwerer Zwischenfälle immer wieder, dass einzelne Personen wussten oder ahnten, dass etwas schief läuft. Aus verschiedenen Gründen werden solche Bedenken oft nicht angesprochen. Das ist tragisch – für alle Beteiligten! Da hilft am Ende auch keine Checkliste und kein «IT-Tool»: Die Mitarbeitenden im Spital sind DIE zentrale Ressource für die Patientensicherheit. Dass sie im entscheidenden Moment aufmerksam sind und ihre Zweifel oder Beobachtungen ansprechen, darum geht es!

Welche Bedeutung kommt der Kommunikation in Bezug auf Patientensicherheit zu?
Die Kommunikation ist eine der wesentlichen Stellschrauben für die Patientensicherheit. Untersuchungen gehen davon aus, dass bei den meisten ernsten Zwischenfällen Probleme in der Kommunikation eine wesentliche Ursache waren. Das Spektrum dabei ist sehr gross. Das kann z. B. sein, dass wichtige Informationen bei der Übergabe verloren gehen, dass es bei einem Notfall zu Missverständnissen kommt, da nicht ausreichend ausgetauscht wurde, oder dass Patienten von mehreren Fachpersonen unterschiedliche Auskünfte erhalten haben. Auch die schriftliche Kommunikation kann zu Problemen führen, z. B. nicht eindeutige oder einfach unleserliche Verordnungen.

Sie waren an einer Studie zum Thema «Speak up – Kommunikation von Sicherheitsbedenken in der Onkologie» beteiligt. Worum ging es da?
Bis anhin fanden fast alle Studien zum Thema Speak up in der Chirurgie und Anästhesie statt. Wie es in nicht-invasiven Disziplinen damit aussieht, war wenig bekannt. Die Onkologie ist ein hochgradig interdisziplinäres und interprofessionelles Gebiet. Viele Fachpersonen mit unterschiedlicher Aufgabe, Expertise und verschiedenen Hierarchiestufen sind in die Betreuung von Patienten involviert. Das macht auch die Kommunikation anspruchsvoll. Auch sind die Patienten sehr vulnerabel. Schon «Kleinigkeiten» können eine echte Patientengefährdung bedeuten.

Für unsere Studie haben wir Interviews mit Pflegefachpersonen und Ärzten geführt, die in der Onkologie tätig sind. Dadurch haben wir viel darüber gelernt, welche Situationen bei ihnen Sicherheitsbedenken auslösen, wie sie damit umgehen, welche Erfahrungen sie machen, wenn sie ihre Zweifel vorbringen und warum sie in gewissen Situationen eher schweigen. Diese Gespräche waren sehr eindrücklich und eine wirklich wichtige Grundlage für unser Verständnis.

Basierend auf diesen Daten konnten wir ein gutes Modell entwickeln, welche Abwägungen Fachpersonen machen und welche Faktoren Speak up eher begünstigen oder eher verhindern. In einer zweiten Phase haben wir eine schriftliche Befragung von Onkologiepflegefachpersonen und Ärzten durchgeführt. Dabei ging es darum, wie häufig Sicherheitsbedenken vorkommen, wie oft geschwiegen und wie häufig etwas gesagt wird.

Die Ergebnisse zeigen, dass wir es mit einem Alltagsphänomen zu tun haben. Natürlich geht es nicht jedes Mal um schwerwiegende oder gefährliche Situationen. Aber dass sich zum Beispiel jemand nicht an die Regeln hält und Kollegen sich fragen, ob sie dazu etwas sagen sollen, kommt recht häufig vor. Ganz wichtig scheint mir, dass wir gesehen haben, dass die gleichen Menschen in manchen Situationen schweigen und in anderen Situationen sehr klar ihre Zweifel vorbringen. Das hat auch etwas mit der Persönlichkeit zu tun, meist liegt es aber am jeweiligen Kontext und daran, für wie gefährlich oder wichtig eine Situation eingeschätzt wird. Es geht immer um ein Abwägen, wobei wir die Gefahr für den Patienten, dem Risiko die Beziehung zum Gegenüber zu gefährden, gegenüberstellen. Dieses Abwägen fällt mal so und mal anders aus. So werden beispielsweise Fehler oder Probleme im Kontext der Medikation eher angesprochen, als wenn es um die Verletzung von Hygieneregeln geht. Auch fällt eine kritische Nachfrage leichter, wenn man sie bilateral klären kann, ohne dass andere Personen dabei sind. Den meisten Fachpersonen ist es ein wichtiges Anliegen, mit ihren Kollegen auch im Fall von Kritik respektvoll umzugehen. Sie wollen das Gegenüber nicht kränken, nicht bloss stellen.

Im Gesundheitswesen ist die Feedback-Kultur nicht besonders gut entwickelt. Wir sind weder trainiert, Kritik oder Zweifel in einer guten Form zu äussern, noch dies in angemessener Form entgegenzunehmen und wertzuschätzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass es in manchen Institutionen ein ganz hohes Resignationspotenzial gibt. Teilt man seine Bedenken immer wieder mit und es ändert sich nichts, wird man irgendwann nichts mehr sagen. Dann kann eine Kultur des «kollektiven Schweigens» entstehen - eine für die Organisation sehr gefährliche Entwicklung.

Organisationen sind deshalb gut beraten, ihre Mitarbeitenden beim Speak up zu unterstützen und an einer wirkungsvollen Feedback-Kultur zu arbeiten. Das ist eine Investition in die Zukunft. Vor allem in hierarchischen Strukturen ist es aber nicht immer einfach, seine Bedenken z. B. gegenüber dem Vorgesetzten zu äussern. Hierarchien spielen natürlich eine Rolle. Es ist schwierig, als Assistenzärztin oder Pflegefachperson dem Kaderarzt eine kritische Frage zu stellen oder auf einen Fehler hinzuweisen. Ich rate dennoch allen, ihre Bedenken auszudrücken. Auch der betroffene Vorgesetzte wird im Ernstfall froh sein, wenn ein Fehler oder eine Gefahr für den Patienten abgewendet werden kann.

Damit dies gelinget, braucht es zweierlei: Das richtige Handwerkszeug und eine Kultur, die Speak up fördert und fordert:

  • Das Handwerkszeug kann man lernen. Man kann (und sollte!) sich Formulierungen überlegen, die nicht verletzend oder respektlos sind, aber mit denen man klar seine Zweifel ausdrücken kann. Und Kaderpersonen können sich überlegen, wie sie auf eine solche Äusserung reagieren wollen. Mein Rat ist: Bereitet euch vor! Es ist sehr wahrscheinlich, dass ihr einmal in eine solche Situation kommt. Plötzlich kann es sehr schnell gehen und aus unserer Studie wissen wir, dass die Menschen dann oft überfordert sind, die richtigen Worte zu finden. Es macht also Sinn, sich das vorher zu überlegen. Es gibt Tipps und Vorschläge dafür und auch Trainings.
  • Wichtig ist, dass Personen ermutigt werden – nicht nur einmal, sondern regelmässig. Ein weiterer Beitrag kann sein, dass positiv über Speak up-Situationen geredet wird. Wurde beispielsweise in einer Abteilung durch Speak up eine Verbesserung erreicht oder ein Fehler abgewendet, könnte man das in der Teambesprechung oder im dem Rapport aufnehmen und sagen «super, dass dir das aufgefallen ist und du mir Bescheid gesagt hast». Interessanterweise berichten viele Personen, dass ihre Kaderpersonen dankbar und gut auf Speak up reagiert haben. Die Erfahrungen, die die Menschen in der Realität machen, sind oft viel positiver als das, was wir uns im Kopf ausmalen.

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